Ein Interview mit Dahmane Ouzid, dem Regisseur der ersten Musical-Komödie Algeriens, der mit seinem Film ESSAHA – LA PLACE im internationalen Wettbewerb startet.
Der Spielfilm, der 2010 fertiggestellt wurde, behandelt auf unterhaltsame Weise die Probleme algerischer Jugendlicher und ihren Kampf um Freiheit, Mitbestimmung und Gehör. Sie verteidigen ihren Rückzugsort – einen ungenutzten Platz in der Stadt – gegen kommerzielle Projekte und versuchen, eigene, äußerst verschiedenartige Pläne auf dem brachliegenden Raum zu verwirklichen. Die Suche nach Konsens innerhalb ihrer Gruppe und das stete Bemühen um Partizipation in den gesellschaftlichen Diskursen sind die zentralen Themen im vielschichtigen Werk Ouzids. In der Heterogenität der Cliquen und den aufeinandertreffenden Wertesystemen sowie in der Vielfältigkeit eingesetzter Musikrichtungen zwischen Hip-Hop und klassisch maghrebinischen Klängen schafft er nichts Geringeres als ein Panorama der algerischen Bevölkerung zwischen Modernität und Tradition, zwischen Resignation und Aufbruchsstimmung, zwischen Wertesystemen und Generationen. Allerdings wird Ouzids Gesellschaftsporträt stets von einem ironischen Augenzwinkern und einer positiven Grundstimmung begleitet, die optimistische Atmosphäre des Musicals erscheint als einziger Ausweg aus dem Fatalismus – für die jugendlichen Protagonisten ebenso wie für ihre Heimat.
Der Spielfilm ESSAHA spricht eine große Bandbreite an Themen an, kann der titelgebende Platz, an dem er spielt, als Metapher für die Probleme einer Generation stehen?
ESSAHA – LA PLACE ist im Grunde tatsächlich eine Metapher für Algerien und seine Jugend, die verzweifelt ihren Platz auf ihrem Platz (Algerien) sucht. Die jungen Algerier und Algerierinnen versuchen eine neue Seite aufzuschlagen (ohne die alte zu zerreißen), sie möchten einen Schlussstrich unter die Zeit der Trauer und der Kränkungen ziehen. Sie wollen ihre Jugend mit dem gleichen Recht genießen wie es 20-Jährige auf dem gesamten Planeten tun. Sie brechen mit dem vorherrschenden Fatalismus, der in ihnen im besten Fall Hoffnungslose sieht, deren einziges Ziel zu sein scheint, ein Floß in Richtung eines chimärischen Europas zu besteigen – im schlimmsten Fall jedoch, das Bild von potentiellen Terroristen und indoktrinierten Islamisten zeichnet.
Was diesen Punkt angeht, kann man in ESSAHA durchaus auch etwas Prophetisches sehen. Bereits 2009 zeigte er einiges auf, was schließlich 2011 im Arabischen Frühling seinen Niederschlag fand.
An welches Publikum wendet sich ihr Spielfilm? Der Schluss liegt nahe, dass gerade der Optimismus, den er transportiert, die Jugend Algeriens ansprechen und ermutigen soll.
Der Film richtet sich ganz klar in erster Linie an die algerischen Jugendlichen: ohne Demagogie und geprägt von einer großen Ausdrucksfreiheit zeigt er ihnen ein positives, wohlwollendes Bild von ihnen selbst. Auch die Hoffnung ist sehr präsent. Es soll ein hoffnungsvoller Film sein, der sagt, dass noch nichts verloren ist, dass selbst 10 Jahre Krieg gegen den radikalen Islamismus Algerien nicht zerstören konnten und dass das Land letztendlich nur von den Jugendlichen gerettet werden kann, die zuhause geblieben sind, oder jenen, die zurückkehren werden, nachdem der Traum vom Okzident ausgeträumt ist.
ESSAHA – LA PLACE ist die erste Musical-Komödie, die in Algerien gedreht wurde. Wie hat das Genre dazu beigetragen, die hohe Dichte an Themen zu transportieren?
Die außergewöhnliche Form beruht auf einer bewussten Entscheidung von Salim Aissa, dem Drehbuchautor, und mir. Wir haben uns für die Leichtigkeit der Form ausgesprochen, um schwerwiegende Themen zu verhandeln. Wir wollten ernsten Themen mit Humor, Leichtigkeit, Selbstironie begegnen. Die Entdramatisierung gibt Hoffnung, dem „No Future“-Gedanken beizukommen. Das Augenzwinkern und das Vermögen über unsere eigenen Fehler zu lachen, selbst in den dramatischsten Situationen, geben uns die Kraft, die Probleme zu überwinden.
Die anziehende, prächtig dekorierte und farbenfrohe, laute Kulisse trug auch dazu bei, die Fehler der algerischen Gesellschaft aufzeigen zu können, ohne von der strengen Zensur bedroht zu sein. Der Film ist immerhin zu 100% vom Staat finanziert.
Hat das intermediale Genre der Musical-Komödie nicht auch eine gewisse Vergangenheit im algerischen Film? Man denkt zum Beispiel an den Einfluss der indischen Komödien, an den Film in Algerien und generell die große Bedeutung der Musik, die in vielen Werken eine Konstante darstellt.
Algerien ist in gleichem Maße mediterran und orientalisch. Die musikalischen Bezüge in diesem Land sind vielfältig. Das algerische Publikum ist mit hinduistischen, ägyptischen und sogar Hollywood-Musicals vertraut. Obwohl der Einfluss der Religion und die Auswüchse des Islamismus heute den Gesang (außer den religiösen) und den Tanz als anstößigen Sittenverfall stigmatisieren, ist man empfänglich für die Üppigkeit und die Empfindsamkeit des Körpers und der Stimme. Es ist also interessant, dass sich die algerische Bevölkerung endlich in seinen eigenen Bildern wiederfinden kann und so nicht mehr auf jene der anderen angewiesen ist.
Welche Funktion nehmen Tanz und Gesang in ESSAHA ein?
Unser Anspruch war eine gelungene Mischung von traditioneller algerischer Musik, die mit all ihren Einflüssen sehr stark in dem Gebiet verwurzelt ist, und modernen algerischen Musikrichtungen wie dem Raï, oder auch Hip-Hop, Rap oder Reggae zu schaffen. Auch die choreographischen Entscheidungen wollen vor allem eines transportieren: Die Dialektik von Authentizität und Modernität.
Die Figur Yacine im Film träumt von einer Karriere als Regisseur einer Musical-Komödie. Ihm und seiner Kunst werden sehr viele Steine in den Weg gelegt, gleichzeitig wird Kunst als Weg aus der Unmündigkeit dargestellt und Yacine fungiert als Sprachrohr seiner Clique. Identifizieren Sie sich mit der Figur und dieser politischen Funktion des engagierten Künstlers, der Unterdrückten eine Stimme verleiht?
Ja, es ist mir vor allem sehr wichtig, dass sich die Jungen in den Ideen des Filmes wiederfinden und sagen: „Ja, WIR sprechen in diesem Film und das sind unsere Worte, unsere Anliegen.“
Das Ende von ESSAHA fällt fröhlich und optimistisch aus, sind Sie ebenso zuversichtlich, was die Zukunft Algeriens und seiner Jugend betrifft?
Aber ja! Das war der Grund, diesen Film zu machen. Ich glaube fest, dass die jungen Algerier und Algerierinnen das Land Richtung Demokratie führen werden, etwas was ihre Väter nicht erreichen konnten (oder wollten).
Für die jungen Protagonisten kommt im Film der Moment, an dem sie vom Bürgermeister empfangen werden und ihre Anliegen vorbringen können, doch an diesem entscheidenden Moment schaffen sie es nicht, ihre Bedürfnisse zu ergründen und zu artikulieren. Wie erklären Sie diese Desillusion und dieses Defizit, seine Anliegen auszudrücken? Ist dies das Problem einer Generation, gar eine universelle Herausforderung?
Ich denke, dies ist tatsächlich ein universeller Sachverhalt. Diese Jungen leiden an einem undefinierbaren „Lebensüberdruss“, oft schwer zu lokalisieren, abseits der Klischees von Arbeitslosigkeit und Wohnungskrise. Sie haben keine Praxis des Dialogs und der Diskussion, im Gegenteil, unfähig die Worte zu finden, die ihr Leid auszudrücken vermögen, reagieren sie häufig mit Gewalt. Sie wehren sich gegen die Unterdrückung, doch sind sie wortlos, wenn sie ihre Anliegen vorbringen können, die sich oft auf das bekannte „Dégage tunisien“ (Aufforderung „abzuhauen“, bezieht sich auf einen zentralen Slogan der tunesischen Revolution 2010/11 und die skandierte Vertreibung des Präsidenten Ben-Ali) reduzieren lassen. Die Lösung kann nur in der Praxis der demokratischen Debatte, in der Kultur und in der Entwicklung eines politischen Geistes in den Köpfen der Jüngsten liegen.
Der Platz im Film versammelt so etwas wie einen Querschnitt der algerischen Gesellschaft, die jungen Frauen und Männer verkörpern bestimmte Interessen, Ideologien und Lebensentwürfe; ihre Mütter und Großeltern sind anwesend und formieren sich in eigenen Gruppen, ebenso wie zweifelhafte Politiker und Geschäftsmänner. Eine Sache jedoch ist auffällig: Die Väter fehlen, sie spielen keine Rolle in ESSAHA. Wo sind sie?
Ah die Väter! Und wie sie fehlen! Sie sind vollkommen zurückgetreten und vernichtet vom Gewicht der Niederlage – ihrer Niederlage. Der Niederlage einer Gesellschaft, die sie verkörpern, des Trugbilds einer Unabhängigkeit, die sie nicht in Richtung eines vollkommenen, idealisierten Landes navigiert hatte, sondern in die Unfähigkeit zu verhindern, durch Verrat an den eigenen Idealen, zu einem unglückseligen Algerien zu verkommen. Welche Rolle spielen diese Väter also? Sie spielen die Rolle der anonymen Lebensbestreiter, sie arbeiten, um ihre Familien zu ernähren und um zu vergessen, wie es zu dieser Tragödie kommen konnte.
(Christophe Koroknai)
